29.08.2012 04:00
Mit dem Begriff "historisch" sollte man sicherlich vorsichtig umgehen. Als Augenzeuge des I. Pegasus IGM Chess Summit, das am letzten Augustwochenende in Dresden stattfand, kann ich dieser Veranstaltung bedenkenlos dieses Prädikat verleihen. Und das aus gutem Grund. Dieses überhaupt erste Treffen von Schachlegenden war sowohl für die teilnehmenden Großmeister, als auch für die Gastgeber ein echtes Erlebnis.
Um überhaupt zum Kreis der Eingeladenen zu gehören, musste man das 75. Lebensjahr beendet haben. Das hatte sich der Ideengeber Dr. Rainer Maas so ausgedacht. Und im Präsidenten des ZMDI Schachfestivals, Dr. Dirk Jordan, fand der Geschäftsführer der PEGASUS Courtyard Dresden GmbH einen engagierten Mitstreiter für dieses außergewöhnliche Projekt. So wurde der Kontakt zu mehr als 30 ehemaligen Weltklasse-Spielern geknüpft, von denen am "get together" auf dem schönen Schloss Albrechtsberg, immerhin sieben teilnahmen. In der Reihenfolge des Alters waren das Mark Taimanow (Jahrgang 1926), Dr. Andreas Dückstein (1927), Lothar Schmid (1928), Jewgeni Wasjukow (1933), der ehemalige FIDE-Präsident Fridrik Olafsson (1935), Wolfgang Uhlmann (1935) und Dr. Burkhard Malich (1935).
Gruppenbild mit Schachlegenden...
Vordere Reihe (von links): Mark Taimanow, Jewgeni Wasjukow, Fridrik Olafsson, Dr. Andreas Dückstein, Lothar Schmid, Dr. Burkhard Malich, Wolfgang Uhlmann;
Hintere Reihe (von links): Dr. Dirk Jordan, Dr. Rainer Maas, Herbert Bastian,Thilo von Selchow, Präsident der ZMDI AG.
Dass tags darauf zu diesen "glorreichen Sieben" noch ein lieber Gast aus Moskau dazustoßen würde, war eine der schönen Überraschungen dieses ganz besonderen Treffens, bei dem die Schach-Legenden in entspannter Atmosphäre vor allem Erinnerungen austauschen sollten. Fast alle Ehefrauen waren mit angereist, was auch zum Konzept der Veranstaltung gehörte.
Der "achte Mann" war Juri Awerbach, der älteste noch lebende Großmeister der Welt. Er hatte zunächst abgesagt, aber es sich doch spontan anders überlegt. Und doch kam dieser Entschluss nicht unerwartet In seinen Memoiren Schach auf der Bühne und hinter den Kulissen (die englischsprachige Ausgabe Centre-Stage and Behind the Scenes ist im Vorjahr bei New In Chess erschienen) heißt das letzte kleine Kapitels bezeichnender Weise "Nicht ganz ungewöhnliche Reisen". Da erfahren wir, dass Juris Held in seiner Kindheit der kühne norwegische Forscher Roald Amundsen war. Also buchte der 90-Jährige kurzentschlossen einen Aeroflot-Flug nach Berlin. Mit der Deutschen Bundesbahn ging es dann via Dresden, wo er abends eintraf und in einem Hotel am Hauptbahnhof für eine Nacht buchte, um dann endlich am Ziel zu sein. Als ich ihn auf sein Alter ansprach, meinte er hintersinnig: Meine Tante wurde 107 Jahre alt, da habe ich ja noch viel Zeit...
Dass die drei Tage für alle viel zu schnell vergingen, versteht sich, zumal die älteste Generation der Großmeister ein volles Programm mit einer "Sightseeing-Tour" durch Dresden und Umgebung sowie ein krönendes Galadinner im bekannten Restaurant Classico Italiano erwartete, an dem auch Dresdens Bürgermeister Winfried Lehmann und DSB-Präsident Herbert Bastian teilnahmen.
Wolfgang Uhlmann (Weiß) und Fridrik Olafsson (Schwarz), der noch seinen Springer in die richtige "Start"-Position bringt, trugen auf Schloss Albrechtsberg eine Blitzpartie aus, die der Isländer gewann. Im Nahschach trafen beide zwischen 1954 (Zonen-Turnier in Prag) und 1871 (Aljechin-Memorial in Moskau) zehn Mal aufeinander. Beide gewannen dabei je drei Partien bei vier Remisen.
Und das auch Schach gespielt wurde, versteht sich. So blitzten beim Empfang auf Schloss Albrechtsberg Wolfgang Uhlmann und Fridrik Olafsson auf einem Großfeld-Schach, und Andreas Dückstein gab ein Simultan an acht Brettern. Der schachliche Höhepunkt war dann freilich am Freitagnachmittag angesagt. Unmittelbar vor der weltberühmten Frauenkirche, die als Symbol der Zerstörung und des Wiederaufbaus gilt, fand ein Match Russland - Deutschland mit dem Lebendschach-Ensemble des Schachdorfes Ströbeck statt. Aber schauen Sie selbst!
Weiß: Team Russland (Juri Awerbach, Mark Taimanow, Jewgeni Wasjukow)
Schwarz: Team Deutschland (Lothar Schmid, Wolfgang Uhlmann, Burkhard Malich)
Französische Verteidigung [C09]
1.e4 (von den Russen listig gespielt, bei denen eindeutig Juri Awerbach der Leader war. Sie hoffen auf die Französische Verteidigung, und die Deutschen, sprich Wolfgang Uhlmann tut ihnen den Gefallen. 1...e6 2.d4 d5 3.Sd2 c5 (dieser Zug kommt vom Dresdner Großmeister postwendend. Lothar Schmid wollte dagegen 3...Sf6 ziehen und bemerkte nun trocken: "Jetzt macht, was ihr wollt!") 4.Sgf3 Sc6 5.exd5 exd5 6.Lb5 Ld6 7.dxc5 Lxc5 8.Sb3 Ld6 9.Lg5 Sge7 10.0–0 0–0 11.Te1 Te8 12.Dd2 (im Fritz-Eröffnungsbuch ist hier nur 12.Lh4 angegeben) 12...Db6 13.Sfd4 a6 14.Lxc6 bxc6 15.Lf4 c5 (Schwarz steht besser, war hier der Tenor des deutschen Trios, und es stimmt wohl auch) 16.Lxd6 Dxd6 17.Se2 Lf5 ("Schwarz steht besser", so die Antwort der Deutschen auf die Frage von Moderator Dr. Dirk Jordan) 18.Sg3
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18...Le6? (ein ärgerlicher Fingerfehler von Wolfgang Uhlmann, der sofort beteuert, das er ihn auf seine Kappe nimmt. Richtig war 18...Lg6, beispielsweise: 19.Tad1 d4. Nun verliert Schwarz einen Bauern ohne Kompensation, und das ist gegen ein Team mit dem Endspielexperten Awerbach schon entscheidend ) 19.Se4! De5 20.Sexc5 Dxb2 21.Sxe6 fxe6 22.Txe6 Tac8 23.Tae1 Da3? (nichts bringt leider auch 23...Txc2 24.Dg5 h6 25.De3 Tc7 26.Txh6) 24.De2 (24.Sd4 g6 25.Sc6 Tc7 26.De2 ist bereits entscheidend) 24...Kf7 25.Txa6 (mit dem Textzug stricht Weiß den zweiten Bauern ein, schön gewinnt 25.c3) 25...Db4 26.a3 Dc4 27.De6+ Kf8 28.Ta7 Tc7 29.Txc7 Dxc7 30.Sd4 Dc8 31.De5 Dg4 32.Sc6, und Schwarz gab auf.

Dass das Großfeld auf dem Neumarkt bei besten Sommerwetter dicht umlagert war, versteht sich. Aber außergewöhnlich ist tags darauf eine 24x12,5 Zentimeter großes Farbfoto auf der Seite 1 der Dresdner Neusten Nachrichten mit der Schlagzeile Königlich lebendig. Dass ein Schachmotiv es auf die Titelseite bringt ist wirklich sensationell - nicht einmal das deutsche Männer-Team, das im vergangenen November sensationell den EM-Titel gewann, hat das geschafft...
Das Pegasus IGM Chess Summit 2012 wird nicht nur wegen der großen Resonanz auf den Auftritt der Schach-Legenden keine einmalige Veranstaltung sein. Das hat jedenfalls der schachbegeisterte Unternehmer Dr. Rainer Maas am Abschlussabend versichert. Nicht nur die Anwesenden wird es gefreut haben, denn der Termin für das kommende Jahr steht mit dem 13.-15. August bereits fest...
Für den Berichterstatter war es im übrigen auch eine Reise in die Vergangenheit. Beim Internationalen Dr.-Emanuel-Lasker-Gedenkturnier im Juli 1962 im Ostberliner "Haus der Jungen Talente" war er einer der acht auserwählten jungen Schachspieler, von denen die Demonstrationsbretter bedient wurden. Damals, vor 50 Jahren, gehörten Jewgeni Wasjukow, der mit 11,5 Punkten aus 15 Partien klarer Sieger war, sowie Wolfgang Uhlmann und Burkhard Malich zu den Teilnehmern...
Text: Raymund Stolze
Fotos: Dr. Gabriele Stolze
Veröffentlicht von Frank Hoppe
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