14.09.2012
Der diesjährige FIDE-Kongress fand vom 7. bis 9. September im Rahmen der Schach-Olympiade in Istanbul statt. Er wurde generell stark von rechtlichen und schachpolitischen Diskussionen geprägt. Gerade die beiden letzten Urteile des Sportgerichtshofes in Lausanne (CAS) haben gezeigt, dass die FIDE-Statuten und die Wahlordnung unklar bzw. zweideutig sind. Dies führte dazu, dass die FIDE zwar in der Sache jeweils gewann, jedoch weitestgehend ihre Anwaltskosten selbst tragen musste. An einem dieser Prozesse war der DSB beteiligt, der u.a. bei den letzten Wahlen 2010 die Rechtmäßigkeit der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten Kirsan Iljumschinow anzweifelte.
Die von der FIDE eingesetzte Satzungskommission hatte im Vorfeld des Kongresses in mühsamer Kleinarbeit mit Unterstützung zahlreicher Föderationen Änderungen vorgeschlagen. Zusätzlich hatte im Auftrag einiger Verbände die bekannte New Yorker Rechtsanwaltskanzlei White & Case, die mit Garri Kasparow eng zusammenarbeitet, Formulierungsvorschläge erarbeitet. In zahlreichen (Nacht-)Sitzungen wurde dann unmittelbar vor Beginn der Generalversammlung noch ein Kompromiss erzielt, der dann auch mit klarer Mehrheit angenommen worden ist. Dabei zeichnete sich aber schon ab, dass die Beteiligten die Neuwahlen 2014 im Blickfeld hatten. Nach der Verabschiedung der Änderungen gab es einen demonstrativen Händedruck des FIDE-Präsidenten mit Garri Kasparow. Beide betonten, dass sie die Vergangenheit vergessen und in die Zukunft schauen wollen.
Mit großer Mehrheit wurde dann auch der Vertrag zwischen der FIDE und dem in Jersey ansässigen Unternehmen Agon ratifiziert. Die auf 11 Jahre (bis Ende 2022) geschlossene Vereinbarung sieht im Wesentlichen vor, dass Agon das Recht erhält, die WM-Kämpfe, die Kandidatenturniere, den Grand Prix und die World-Cups auszurichten. Damit hat die FIDE erstmals in ihrer Geschichte die wesentlichen Veranstaltungen auf längere Zeit einem privaten Veranstalter übertragen, der für die Vermarktung verantwortlich ist und sich zur Zahlung der recht hohen Preisgelder verpflichtet. Die FIDE erhält davon einen Anteil von 20 bzw. 25 %.
Der vom Präsidenten der Türkischen Schachföderation eingebrachte Antrag, die sieben Schachföderationen zu suspendieren, die von ihrem Recht Gebrauch gemacht haben, die FIDE zu verklagen, bis sie die dadurch der FIDE entstandenen (weit überhöhten) Anwaltskosten von ca. 1 Mio € erstattet haben, wurde zurückgezogen. Neben Deutschland handelt es sich dabei um die USA, Ukraine, Frankreich, England, die Schweiz und Georgien. Das FIDE-Präsidium versuchte jedoch, moralischen Druck auszuüben, damit diese Zahlungen auf freiwilliger Basis geleistet werden. Beim FIDE-Kongress im nächsten Jahr wird dieses Thema wieder auf der Tagesordnung stehen, um damit gerade die kleineren Föderationen gegen die größeren aufzubringen und somit deren Stimmen bei den Wahlen 2014 zu erhalten. Die unverhältnismäßig hohen Anwaltskosten waren bereits im vorigen Jahr kritisiert worden, spielten in diesem Jahr aber keine Rolle mehr. Die sieben betroffenen Föderationen haben sich weitestgehend nicht an einer Diskussion beteiligt. Auch wurde der Aufforderung nach einer Entschuldigung nicht nachgekommen, da es sich aus unserer Sicht um keinerlei rechtswidrige Schritte gehandelt hat und die Kostenentscheidung des CAS voll umgesetzt worden ist.
Erstmals gab es eine Besprechung der größeren Schachföderationen, die unter dem Arbeitstitel G 15 eine engere Zusammenarbeit anstreben, um gemeinsame Interessen verstärkt wahrnehmen zu können.
Es wurden aber auch schachrelevante Entscheidungen getroffen. Der Vertrag mit der Norwegischen Schachföderation über die Schach-Olympiade in Tromsö 2014 wurde unterschrieben, und die Schach-Olympiade 2016 wurde nach Baku, Aserbaidschan vergeben.
Die Europäische Schachunion (ECU) hat beschlossen, die Europäische Senioren-Mannschaftsmeisterschaft 2013 in Dresden auszurichten. Außerdem wurden die Senioren-Altersstufen - wie bei der FIDE - ab 2014 auf 50 und 65 festgelegt. Über die weiteren europäischen Meisterschaften konnte nicht entschieden werden, da die Türkische Schachföderation gegen das derzeitige Vergabeverfahren Klage beim CAS eingelegt hat und das Urteil erst abgewartet werden muss.
Neue Titelträger aus Deutschland sind:
Großmeister
- Martin Krämer
- Leonid Milov
Frauen-Großmeisterin
Internationaler Meister
- Christian Braun
- Alexander Donchenko
- Paul Hoffmann (unter Elobedingung)
- Achim Illner
- Jens Kotainy
- Dennis Wagner
Internationaler Schiedsrichter
- Jürgen Klüners
- Jens Wolter
FIDE-Schiedsrichter
- Franz Gessl
- Jürgen Göldenboog
- Daniel Wanzek
- Wolfgang Block
Internationaler Organisator
- Wolfgang Fiedler
- Joachim Gries
- Dirk Husemann
- Jürgen Kehr
- Horst Metzing
- Matthias Möller
- Jürgen Müller
- Egmont Pönisch
Herbert Bastian, DSB-Präsident
Horst Metzing, DSB-Sportdirektor
Veröffentlicht von Frank Hoppe
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